Romantik und Ästhetik weichen der reinen Präzision

Von Tradition zur Moderne: Kunstvoll gestaltete Figuren treffen auf bunt und hip

Schach wird bereits seit Jahrtausenden gespielt. In dieser Zeit ist das Spiel nur wenig verändert worden. Die letzten wesentlichen Neuerungen liegen schon Jahrhunderte zurück, die Regeln haben sich seit dem frühen 19. Jahrhundert kaum noch geändert. Aber was für Entwicklungen haben sich eigentlich in den vergangenen Jahrzehnten ergeben?

Eine wesentliche Veränderung kam – wie man es fast schon erwarten kann – durch die neuen Technologien. „Der PC spielt eine immer größere Rolle“, erklärt Steffan Uhlenbrock, Schiedsrichter bei den Sparkassen Open im Fritz-Henßler-Haus. Zur Vorbereitung analysieren die Spieler ihre Gegner mit PC-Unterstützung. Dazu gibt es jede Menge Datenbanken im Internet. „Heutzutage sind komplette Partieanalysen üblich. So kann man sich besser auf den Gegner einstellen. Das gab es früher so nicht“, so Steffan Uhlenbrock. Schwachstellen werden so detailliert herausgearbeitet. Schon die Eröffnung zielt häufig auf die Schwachstellen des Gegners ab, sodass man sich bedeutende Vorteile erarbeiten kann.

Früher wurde mehr mit Büchern gearbeitet, erinnert sich Steffan Uhlenbrock. Mittlerweile sind sie in den Hintergrund getreten. Sie werden hauptsächlich für Erklärungen genutzt, die der PC nicht liefern kann. „Schwachstellen etwa werden rein am Computer erarbeitet“, sagt der Schiedsrichter. Früher war das Wort der Großmeister geradezu Gesetz für andere Spieler. „Deren Erklärungen hatten Gültigkeit. Heute lässt man mit dem Computer Varianten berechnen und erhält so ein präziseres Ergebnis“, erklärt Steffan Uhlenbrock.

Heutige Programme sind auch deutlich rechenlastiger als noch vor einigen Jahren. Man kann eine Partie besser bewerten. Raum, Dynamik und Bewegung kann alles am Rechner abgeschätzt und gewichtet werden. Auch bei Spielen von Großmeistern gegen Computer merkt man dies. Früher versuchten die menschlichen Spieler Schwachstellen in der Berechnung des PCs zu finden, was heute kaum noch klappt. „Die Nominalleistung der PCs ist so stark, dass sie kaum noch zu schlagen sind“, nimmt Steffan Uhlenbrock jegliche Illusionen. Die Deutung der errechneten Ergebnisse kann sich aber schnell als zweischneidig erweisen. „Der PC liefert eine reine Rechenleistung, er spielt nun mal nicht wie ein Mensch. Man kann Partien gut anmerken, ob die Züge am Computer errechnet wurden. Wenn Züge unnatürlich sind oder eine extrem lange Planungsphase benötigen, die ein Mensch gar nicht schaffen kann, fällt das schnell auf“, gibt Steffan Uhlenbrock einen Einblick.

Das Spielverhalten hat sich generell verändert. „Es gab eine Phase, in der die Spiele romantischen Vorstellungen folgten und mehr von Ästhetik geprägt waren“, erläutert Steffan Uhlenbrock. Schöne Motive und lange Abwicklungen standen im Mittelpunkt. „Dafür waren die Nebenvarianten oft fehlerhaft.“ Es sah zwar gut aus, würde aber von heutigen Schachprogrammen bemängelt. „Die Immergrüne war eine ganz klassische Partie“, so Steffan Uhlenbrock. Die Immergrüne Partie wurde zwischen Adolf Anderssen und Jean Dufresne im Juli 1852 in Berlin gespielt. Besonders die Schlusskombination wurde sehr bewundert. Sie wird heute als teilweise fehlerhaft gesehen, obwohl sie gleichzeitig beispielhaft und schön ist. „In unserer Zeit versucht man eher Fehler zu unterdrücken und legt mehr Wert auf Perfektion“, erklärt Steffan Uhlenbrock die Unterschiede.

Auch bei den Sparkassen Open zeigt sich der Einfluss der neuen Möglichkeiten. „Bei den stärkeren Spielern jenseits der 2000er-DWZ merkt man, dass sie sich akribisch auf ihre Gegner vorbereiten“, ist Steffan Uhlenbrock aufgefallen. Beim Helmut-Kohls-Turnier merke man das etwas weniger, aber bei den anderen Turnieren schon. Allgemein ist das Spiel aggressiver geworden, stellt Steffan Uhlenbrock fest. Man versucht forciertere Varianten zu finden und bestraft Fehler des Gegners rigoroser.

Der Schiedsrichter ist unschlüssig, ob er die Veränderungen positiv oder negativ bewerten möchte. „Einerseits waren die Partien früher besser zur Veranschaulichung geeignet und ästhetischer. Andererseits haben die heutigen, von mehr Taktik geprägten Spiele auch ihre Daseinsberechtigung, da sie zur Berechnung besser geeignet sind. Spiele sind so aber weniger durch den Charakter des Spielers geprägt“, sagt Steffan Uhlenbrock. Dies war früher mehr der Fall. „Bobby Fischer beispielsweise spielte immer sehr präventiv. Heute lässt man das Gegenspiel zu, wenn man glaubt, dass das besser ist, geht aber ein größeres Risiko ein.“

Eine Sache hat sich aber zum Besseren gewandelt: „Früher wurde bei den Turnieren noch geraucht“, erinnert sich Christian Goldschmidt, Turnierleiter der Sparkassen Open. „Manchmal konnte man kaum das Brett sehen.“ Zudem war oft auch noch eine Musikbox an. Heutzutage gibt es deutlich professionellere Bedingungen. „Schach ist den Weg gegangen, den viele andere Sportarten auch gegangen sind“, sagt Steffan Uhlenbrock.